Zwangsstörung (OCD) - die „Zweifelkrankheit“

Viele kennen das Gefühl, etwas noch einmal kontrollieren zu müssen oder einen unangenehmen Gedanken nicht loszuwerden. Bei einer Zwangsstörung (englisch: Obsessive-Compulsive Disorder, OCD) nehmen diese Gedanken und Handlungen jedoch einen so großen Raum ein, dass sie das tägliche Leben stark beeinträchtigen. Der Psychiater Pierre Janet sah den Zweifel als das Zentrum des Problems an und nannte es die „Zweifelkrankheit“.

 

Unterschieden wird häufig zwischen Zwangsgedanken und Zwangshandlungen. Zwangsgedanken sind aufdringliche, ungewollte Ideen, Bilder oder Impulse, die große Angst oder Ekel auslösen. Häufige Themen sind:

  • Angst vor Kontamination (z.B. Ansteckung mit HIV)
  • Zweifel und übertriebene Verantwortungsängste („Habe ich einen Menschen mit dem Auto überfahren und kann mich nun nicht mehr erinnern?“)
  • Aggressive, sexuelle oder blasphemische Gedanken (z.B. innere Bilder, einen geliebten Menschen brutal zu ermorden)
  • Bedürfnis nach Symmetrie oder „genau richtig“ („magisches Denken“)

Zwangshandlungen sind wiederholte Verhaltensweisen oder mentale Rituale, durch welche die Angst bzw. Unsicherheit kurzfristig reduziert wird: exzessives Händewaschen, ständiges Kontrollieren, Zählen, Ordnen, Beten oder stilles Wiederholen von Formeln.

 

Die Zwangsstörung ist keineswegs selten: etwa 2-3 % der Deutschen sind betroffen. Männer und Frauen erkranken gleichermaßen häufig, meist im frühen Erwachsenenalter.

 

Ein eindrucksvolles historisches Beispiel ist der US-amerikanische Milliardär, Flugpionier und Filmproduzent Howard Hughes, ein visionärer Unternehmer, der Flugzeuge baute und Filme drehte. Gleichzeitig litt er unter einer schweren Zwangsstörung, vor allem unter extremen Kontaminationsängsten. Er zwang sein Personal zu aufwendigen Reinigungsritualen, wusch sich so intensiv die Hände, bis sie bluteten und isolierte sich zunehmend. Sein Leben wurde im Film „The Aviator“ dargestellt.

  

Ein theoretischer Ansatz zur Reduzierung von Zwangsimpulsen nennt sich „Konfrontation mit Reaktionsverhinderung“. Die Methodik besteht darin, eine Situation zu erzeugen, die das eigene Unsicherheitsgefühl stark triggert, dann aber kein Zwangsverhalten zur Beruhigung einzusetzen. Gelingt es dann, auch ohne Zwangshandlung wieder ein Gefühl von Sicherheit zu erlangen, wird davon ausgegangen, dass - nach vielen Wiederholungen dieser Übung - der Impuls zur Ausführung von Zwangshandlungen abnimmt.