Prokrastination - die Tendenz, eine unangenehme, aber wichtige Aufgabe auf später zu verschieben, um sie dann später auf noch später zu verschieben - am Ende dann auf den Sankt Nimmerleinstag. Statt die lästige Verpflichtung zu erledigen, räumt der von Prokrastination Betroffene zum Beispiel noch schnell die Wohnung auf oder widmet sich einer anderen, vermeintlich wichtigen Erledigung. Dies möglicherweise mit der Begründung, diese eine Sache vorher noch aus dem Kopf bekommen zu müssen, um sich danach mit freiem Kopf der Hauptaufgabe widmen zu können. Dieser Prozess kann sich in absurde Längen ziehen: von drei Monaten Vorbereitungszeit für eine Prüfung können durch Prokrastination durchaus zwei Monate und drei Wochen unproduktiv verbracht werden. Erst extremer Zeitdruck bringt dann oft den entscheidenden Impuls zur Tat.
Was sind die psychologischen Mechanismen dieses Phänomens? Eine Überlegung ist, dass durch das Prokrastinationsverhalten emotional belastende Gefühle vermieden werden sollen, die bei der mentalen Beschäftigung mit der kritischen Aufgabe entstehen können: zum Beispiel der Eindruck eigener Inkompetenz oder Frustration bei hartnäckigen Verständnisschwierigkeiten, bedrückende Fantasien über das Scheitern an der Aufgabe und den möglichen Folgen, oder Angst bei Bewusstwerdung der gigantischen Dimension dessen, was alles noch zu tun ist. Das Vermeiden dieser Eindrücke bzw. das Verlegen des Tuns in die Zukunft hingegen wird oft als massive Erleichterung erlebt. Erst wenn sich Panik durch das unmittelbar bevorstehende Ende der Abgabefrist einstellt, weil der Gedanke „Ich schaff das schon noch“ für einen selbst jetzt nicht mehr glaubhaft ist, ändert sich etwas. Die durch das Nichtstun entstehende Angst ist schließlich unangenehmer als die Konfrontation mit der Aufgabe, sodass sich die Motivation zugunsten des Handelns verschiebt.
Eine weitere Überlegung zur Funktionalität ist, dass durch das Prokrastinationsverhalten das eigene Selbstwertgefühl geschützt wird, weil das Scheitern an der Aufgabe bereits mental vorweggenommen wird. Da durch den vergleichsweise geringen Arbeitseinsatz nun nicht die Gesamtheit der persönlichen Leistungsfähigkeit investiert war, lässt sich der Eindruck eigener Kompetenz bewahren - zum Beispiel durch Gedanken wie: „Wenn ich mich nur richtig reingehängt hätte, dann wäre ein gutes Ergebnis auch kein Problem gewesen“.
Prokrastination kann auch ein Ausdruck von innerem Widerstand gegen das Gefühl von Fremdbestimmtheit aufgefasst werden. Der Eindruck, dass die Erwartungen Anderer dem Selbst die kritische Aufgabe aufzwingt, führt oft zu einer psychischen Gegenreaktion in Form eines starken Bedürfnisses nach Autonomie. Das Aufschieben kann dann dazu dienen, sich ein Gefühl von Kontrolle und Selbstbestimmung zurückzuholen, was als sehr wohltuend erlebt werden kann.
Auch eine perfektionistische Anspruchshaltung kann zu Prokrastination führen, wenn von der eigenen Masterarbeit zum Beispiel erwartet wird, derart herausragend zu werden, dass sie die Fachwelt völlig in Begeisterung versetzen wird. Hier kann bereits das anfängliche Konzipieren des Projekts blockiert sein, wenn dem Selbst die Unwahrscheinlichkeit bewusst wird, dieses extrem hohe Ziel zu erreichen. Verbesserung schafft hier möglicherweise die Akzeptanz der Idee, dass auch ein nicht perfektes Arbeitsergebnis für den Moment gut genug ist und höhere Ziele auch noch später erreicht werden können.
Zu den einfachen Maßnahmen, die häufig gegen Prokrastination empfohlen werden, gehören das Reduzieren von Ablenkung (zum Beispiel Smartphone vom Arbeitsplatz fernhalten), Selbstbelohnung nach erzielten Fortschritten oder die Aufteilung einer komplexen Aufgabe in kleinere Arbeitsschritte. Hier lässt sich jedoch oft feststellen, dass auch nach Umsetzung dieser Maßnahmen das Prokrastinationsverhalten bestehen bleibt - zum Beispiel deswegen, weil dessen Ursache nicht im Wissen begründet war, was nun genau zu tun wäre, sondern auf psychologisch tieferer Ebene liegt.
Zu den wohl eher kontraintuitiven Anti-Prokrastinations-Techniken gehört der Vorschlag, sich selbst das Verbot aufzuerlegen, an seiner kritischen Aufgabe zu arbeiten („Arbeitszeitrestriktion“). Die Ausnahme bilden kleine, selbst festgelegte Zeitfenster, wie etwa von 10:30 bis 11:00 vormittags und von 16:00 bis 16:30 nachmittags. Durch diese Einschränkung soll eine psychologische Gegenreaktion provoziert werden, die darauf basiert, dass die verfügbare Arbeitszeit nun rar und kostbar geworden ist. Bei zunehmender Produktivität besteht die „Belohnung“ dann darin, dass sich die Zeitfenster der Arbeitserlaubnis vergrößern. Die Methode wirft die interessante Frage auf, wie viele Menschen wohl einen verbindlichen Vertrag dieser Art mit sich selbst abschließen können, ohne sich zu beschummeln.
Victor Hugo, der Autor des Romans „Der Glöckner von Notre Dame“ hatte eine ganz eigene Art, seine Neigung zur Prokrastination unter Kontrolle zu bekommen. Seiner Biographie zufolge entledigte sich dieser hierzu seiner gesamten Kleidung und behielt ausschließlich einen hässlichen grauen Pyjama. Sein Prokrastinationsverhalten bestand darin, sich außer Haus mit Freunden zu treffen oder sich anderen Dingen in der Stadt zuzuwenden, statt an seinem Roman zu arbeiten; durch die Kleiderlosigkeit war er jedoch nun an seine Wohnung gefesselt. Die harte Selbsteinschränkung half ihm letztlich, das Manuskript für seinen Roman fristgerecht fertigzustellen. Leider muss davon ausgegangen werden, dass diese Methode besser im 19. Jahrhundert funktioniert, als im Zeitalter von Instagram und TikTok.